Verstopfung gesucht - Brunnhöhle gefunden.

Eigentlich wollten unsere Mitarbeiter eine alte Wasserleitung im Weiler Gassen, Häusernmoos, von Wurzeln befreien, nachdem stetig weniger Wasser zu den angeschlossenen Liegenschaften geflossen war. Bei den Arbeiten stiessen wir auf eine eindrückliche alte, noch sehr gut erhaltene Brunnhöhle.



 
Von Liselotte Jost-Zürcher

Die Entdeckung kam für die Gränicher-Mitarbeitenden unverhofft. Nachdem seit letztem Winter immer weniger Wasser zu den drei Liegenschaften der Familien Kaderli, Signer und Löffel floss, ging man davon aus, dass Wurzeln in die Wasserleitungen eingedrungen waren und diese verstopft hatten. Im Frühjahr machte sich dann rund um die Brunnstube Nässe bemerkbar. So entschieden die Inhaber, die Wasserleitung zu sanieren. Die Überraschung war gross, als bei den Grabarbeiten eine grosse, schöne und noch sehr gut erhaltene Brunnhöhle zum Vorschein kam. Die Höhle war voll Wasser, welches sich zurückgestaut hatte. Eine Inschrift beim Höhleneingang zeigt, dass diese im Jahr 1906 durch den damaligen Eigentümer, Gottlieb Käser, renoviert und vermutlich verlängert worden war. Denn ungefähr 30 Meter weit in der Höhle stellten die Bauleute einen Einsturz fest. «Bis zur Einsturzstelle wurden in den Höhlenwänden die typischen Einbuchtungen für das Hinstellen von Lampen – Talglichtern – angebracht», stellt Beat Ruch von der Gränicher Bauunternehmung fest. Hinter der Einsturzstelle gibt es keine solchen Einbuchtungen mehr. Stattdessen stecken in den Höhlenwänden noch alte, verrostete Nägel, an welche wohl damals, anno 1906, die Petrollampen gehängt wurden. Auch weist der Sandstein in der hintern Höhlenhälfte eine andere, festere Beschaffenheit auf als in der vorderen. Im vorderen Teil wurde 1906 eine – noch gut erhaltene – Zementröhre gelegt; weiter hinten fliesst das Wasser aus mehreren Bohrlöchern in eine Rinne. Deutlich sind in den Wänden die verschiedenen Gesteinsschichten erkennbar.
 
Ausdauernd – und klug
Wie alle Brunnhöhlen aus dieser Zeit ist diejenige in Gassen ein Meisterwerk. In unzähligen Stunden mühsam mit Hammer und Meissel durch den stellenweise harten Sandstein gehauen, zeugt sie nicht nur von schweisstreibender, ausdauernder Arbeit, sondern auch von bemerkenswerten Kenntnissen, wo Wasser aufzuspüren war und wie es zu den Häusern geleitet werden kann. Das Bauernhaus, zu welchem die Leitung führt, wurde 1757 erbaut. Man geht davon aus, dass auch die Brunnhöhle aus dieser Zeit stammt, denn «früher suchten die Menschen immer zuerst nach Wasser, bevor sie sich
niederliessen», weiss Beat Ruch. Über 100 Jahre später wurde auf dem äus-sersten Zipfel Land des damaligen Besitzers Gottlieb Käser («Gasse-Gödu») im Baurecht die Käserei Gassen erstellt. Die Genossenschafter erhielten neben dem Baurecht auch das Recht, Wasser von eben der besagten Höhle zu beziehen. 1971 kaufte die Käsereigenossenschaft Gassen die Liegenschaft aus dem Baurecht. 2002 wurden Land und Liegenschaften des Bauernguts verkauft. Das Land wurde auf drei neue Besitzer aufgeteilt. Das Bauernhaus übernahm die Familie Signer und renovierte es von Grund auf. Das Stöckli befindet sich heute im Besitz von Familie Kaderli, und die ehemalige Käserei wurde 2009 von Familie Löffel gekauft. Diese drei Liegenschaften werden aus der Brunnhöhle mit einwandfreiem Wasser versorgt. Pro Minute flossen in guten Zeiten rund 45 Liter Wasser. Wenn die Höhle saniert und wieder geschlossen ist, dürfte erneut mit einer Wassermenge in diesem Rahmen gerechnet werden. Bis 40 Meter in die Höhle hinein werden nun stabile PVC-Rohre eingelegt. Jede Muffe wird mit einem Lehm-Mantel, einem sogenannten Lehmriegel, eingekleidet, damit die Röhren nicht freigewaschen werden, sollte einmal irgendwo ein Wasserstau entstehen. Die Rinne im hintern Teil der Höhle bleibt wie sie ist. Mittels eines Lasermessgeräts beim Höhleneingang wird sichergestellt, dass die PVC-Leitung im Lot liegt – ein Mittel, welches die Vorfahren bei weitem nicht hatten, es aber stets fertig brachten, die Höhlen im Lot zu bauen. Der Hügel, in welchem sich die Brunn-höhle befindet, wurde für die Arbeiten teilweise gerodet. «Es dürfte Jahrzehnte dauern, bis sich wieder Wurzeln durch den Sandstein oder gar in die Wasserleitung gedrängt haben», sagt Beat Ruch. Diese verursachen vielerorts Leitungsschäden. Wurzeln bevorzugen den Weg des geringsten Bodenwiderstandes, und dieser führt oft durch die Humusschicht zu unterirdischen Wasserleitungen. Stossen die Wurzeln auf die Oberfläche eines Gegenstandes im Boden wie eben einer Wasserleitung, wachsen sie parallel und dicht am Rohr entlang.
Erreicht die Wurzel eine Rohrverbindung (Muffe), die vor der Dichtung einen Hohlraum aufweist, wächst sie in diesen hinein, verzweigt sich dort und füllt alle Hohlräume aus. Beat Ruch hat viele unterirdische Wasserleitungen saniert und auch schon Fälle angetroffen, wo sich Wurzeln hinter dem Dichtungsring in der Muffe in eine Leitung gedrängt haben.
Die Sanierung der Brunnhöhle ist auch für die Besitzer ein spezielles Erlebnis. Susanne Löffel beispielsweise verfolgt mit viel Interesse die Vorgänge auf – oder in – der Baustelle, zeigte ihren Kindern, dass es nicht selbstverständlich ist, wenn Wasser aus dem Hahnen fliesst. Sie interessiert sich zudem für die geschichtlichen Hintergründe und hat mit ihrem zusammengetragenen Wissen zu einigen Aufschlüssen rund um die Brunnhöhle verholfen. Martin Jost seinerseits, Bauführer der Gränicher Bauunternehmung Huttwil, war mehrmals dabei, wenn Quellenstollen hervorgegraben wurden. «Diejenige in Gassen ist jedoch eine der schönsten, die ich je gesehen habe», freut er sich.